Wieder aufstehen
Ich habe schlecht geschlafen.
Sehr schlecht sogar. Ich bin immer wieder aufgewacht, hatte Albträume und irgendwann war ich einfach wach, viel zu früh. So früh, dass der Tag eigentlich noch gar nicht angefangen hatte, ich aber schon mittendrin war. Ich saß da und wusste nicht wirklich, was ich machen sollte.
Dann habe ich mir irgendwann gesagt: Steh auf.
Also bin ich laufen gegangen.
Gott sei Dank.
Das Wetter war gut, die Luft frisch und der Sonnenaufgang war wieder einmal so ein kleiner Moment, bei dem ich denke: Eigentlich ist das doch schön hier. Man muss manchmal nur rausgehen und hinschauen.
Laufen tut mir ohnehin jedes Mal gut. Nicht unbedingt währenddessen, zumindest nicht immer. Heute musste ich mich erst einmal richtig durchkämpfen. Irgendwann, ungefähr auf der Hälfte der Strecke, habe ich mir einfach gesagt: Jetzt schaffst du es auch wieder zurück.
Das war heute meine Motivation.
Nicht: Alles wird gut.
Nicht: Ich bekomme bestimmt bald einen Job.
Sondern einfach:
Ich schaffe es bis nach Hause.
Und als ich wieder zurück war, hatte ich zumindest das Gefühl, etwas Gutes für mich getan zu haben. Ein kleiner Erfolg. Aber manchmal sind es genau diese kleinen Dinge, die einen wieder ein Stück nach vorne bringen.
Danach E-Mails checken.
Eigentlich weiß ich mittlerweile, dass das nicht unbedingt die beste Idee ist.
Eine Absage war dabei.
Man mag diese E-Mails einfach nicht öffnen. Eigentlich reicht schon die Betreffzeile. Man sieht sie und irgendwo im Kopf sitzt sofort dieser kleine Moment: Bitte nicht schon wieder.
Diesmal kam die Absage sogar aus Österreich.
Tja.
Also weiter.
Zwei neue Bewerbungen geschrieben. Wieder bundesweit. Die regionale Einschränkung habe ich schon lange aus meinen Kriterien gestrichen. Mittlerweile bewerbe ich mich dort, wo eine Stelle interessant ist und wo ich das Gefühl habe, eine Chance zu haben.
Heute ging sogar eine Bewerbung in die Schweiz raus.
Und gleichzeitig kommt sofort wieder dieser Gedanke:
Wie soll das eigentlich funktionieren?
Mein Sohn.
Wie weit weg kann ich gehen, um einen Job zu bekommen, ohne gleichzeitig etwas anderes zu verlieren, was mir unglaublich wichtig ist?
Das sind die Gedanken, die ständig mitlaufen. Selbst wenn man gerade versucht, sich auf eine Bewerbung zu konzentrieren.
Aber ich habe mir heute gesagt: Lass dich nicht hängen. Mach weiter.
Und irgendwie funktioniert es.
Der Sport am Morgen hat mich tatsächlich so weit gebracht, dass ich jetzt, am Nachmittag, wieder deutlich positiver bin als heute früh.
Die Selbstzweifel sind trotzdem da.
Vielleicht werden sie sogar stärker.
Aber was ist die Alternative?
Aufgeben?
Nein.
Also weitermachen.
Bewerbungen schreiben. Nach Stellen suchen. Laufen. Putzen. Aufräumen. Irgendwas machen. Nicht den ganzen Tag auf das Handy schauen und darauf warten, dass sich jemand meldet.
Und heute habe ich noch etwas, worauf ich mich freuen kann.
Das Wochenende, an dem ich wieder meinen Sohn bei mir habe.
Heute Morgen haben wir schon miteinander telefoniert und ich habe ihn gefragt, was er gerne machen möchte.
Seine Antwort: Tennis.
Und ich musste lächeln.
Das finde ich schön.
Denn dann haben wir etwas, das wir gemeinsam machen können. Ich bin hier zwar nicht im Tennisclub, aber wir können uns einfach einen Platz mieten. Hauptsache, wir haben etwas, das wir zusammen machen können.
Darauf freue ich mich.
Und vielleicht ist genau das momentan wichtig: Dinge zu haben, auf die man sich freuen kann.
Es gibt außerdem zwei Bewerbungen, bei denen ich gerade ganz besonders die Daumen drücke. Wenn daraus tatsächlich etwas werden würde, wäre das fantastisch.
Aber ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken.
Man rechnet mittlerweile lieber mit nichts.
Dann kann man auch nicht so enttäuscht werden.
Vielleicht ist das nicht besonders optimistisch.
Aber es schützt ein bisschen.
Heute habe ich außerdem einen Satz gehört, der mir hängen geblieben ist. Von einem Menschen, der mir wichtig ist:
„Schau lieber auf das, was du hast, statt ständig darüber nachzudenken, was du nicht hast oder was du einmal hattest.“
Eigentlich ein einfacher Satz.
Aber heute hat er mir geholfen.
Denn natürlich könnte es besser laufen.
Ich könnte einen Job haben. Finanziell könnte es entspannter sein. Mein Leben könnte anders aussehen. Vielleicht würde ich manche Dinge gerne zurückhaben.
Aber ich habe auch Dinge.
Ich habe meinen Sohn.
Ich habe Menschen, die mir wichtig sind.
Ich kann laufen.
Ich kann morgens den Sonnenaufgang sehen.
Ich kann mich aufraffen, wenn ich eigentlich keine Lust mehr habe.
Und ich kann es zumindest versuchen.
Vielleicht reicht das für heute.
Die Sonne scheint. Ich habe Sport gemacht. Zwei Bewerbungen sind raus. Eine Absage habe ich überlebt. Und am Wochenende kommt mein Sohn.
Also weiter.
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